Mercedes-Benz steht auf Dyckerhoff

bauPARTNER Nr. 1/2007

Terrazzobeläge aus Weißzement eingebaut


STUTTGART - Der Erfinder des Automobils hat nun auch das Automobilmuseum neu erschaffen. In nur zweieinhalbjähriger Bauzeit entstand ein architektonisches Highlight, das einen bemerkenswerten städtebaulichen Akzent in der Region Stuttgart setzt. Das traditionsreichste und zugleich modernste Automobilmuseum der Welt verknüpft seine elegante Erscheinung mit einer einzigartigen Struktur auf Basis einer Doppelhelix. Alles an dieser Architektur ist im Fluss: Es gibt weder geschlossene Räume noch gerade Wände. Ganz ohne Stützen spannen sich 33 Meter weite Decken. Keine der 1.800 dreieckigen Scheiben, die einen atemberaubenden Panoramablick auf die Umgebung freigeben, gleicht der anderen.

Auf neun Ebenen mit 16.500 Quadratmetern Fläche sind 160 Fahrzeuge und insgesamt mehr als 1.500 Exponate zu sehen, die sich in zwei verbundenen Rundgängen präsentieren. Pro Jahr werden rund eine Million Besucher erwartet. Das neue Museum präsentiert aber nicht nur die spannende Geschichte der Marke Mercedes-Benz, sondern eröffnet auch aufschlussreiche Blicke in die Zukunft. An dieser Aufgabe orientiert sich die Architektur, die im "UN studio" der weltberühmten Niederländer Ben van Berkel und Caroline Bos entstand. Mit ihrer beeindruckenden Modernität scheint die Gestaltung aus der Zukunft gekommen zu sein - und bewahrt zugleich doch die Tradition. Die Architektur veranschaulicht das Erbgut der Marke. Das Gebäude ist im Inneren der DNA-Spirale mit ihrer Doppelhelix nachempfunden, die das menschliche Erbgut trägt. Damit ist es dem Originalitätsgedanken der Marke Mercedes-Benz verpflichtet, immer wieder völlig neue Dinge für die Mobilität der Menschen zu schaffen - von der Erfindung des Automobils bis zur zukunftsweisenden Vision des unfallfreien Fahrens.

Ein Bauwerk der Superlative


Entstanden ist in unmittelbarer Nähe zum Daimler-Chrysler Werk ein Bauwerk der Superlative - in architektonischer und baulicher Sicht, aber auch was die Ausstattung betrifft. Die komplexe Geometrie des Museums war nur mit neuesten Technologien realisierbar. Die Grundlage der Planung bildete vom Entwurf bis zur Fertigstellung ein dreidimensionales Datenmodell, das im Verlauf der Bauzeit 50 Updates erfuhr und insgesamt 35.000 Werkpläne hervorbrachte. Mehr als 110.000 Tonnen Beton sind im Mercedes-Benz Museum verbaut, das auf 4.800 Quadratmeter Grundfläche eine Höhe von 47,5 Metern erreicht und damit einen umbauten Raum von 210.000 Kubikmeter umschließt. 33 Meter weite, stützenlose Räume, welche die Last von zehn Lastwagen tragen können, gehören ebenso zu den architektonischen Besonderheiten wie die zweifach gekrümmten tragenden Bauteile: so genannte "Twists", die an überdimensionale Flugzeugpropeller erinnern und in dieser Form und Größe erstmals angewendet wurden. In den Fensterbändern sind 1.800 dreieckige Scheiben verbaut, von denen keine der anderen gleicht. Alle Materialien, von den Aluminiumblechen und Fensterbändern der Außenhaut bis zum dunklen Stirnholzparkett der Rampen, verbinden höchste Qualität mit einem zurückhaltenden Auftreten.

Kein Wunder, dass sich die Planer auf der Suche nach einem Bodenbelag, der dem Grundprinzip und dem Charakter des offenen Gebäudes entsprach, im Eingangsbereich sowie der darunter liegende Ebene für einen homogenen und fugenlosen Terrazzobelag entschieden. Denn Terrazzo zählt nicht nur zu den Klassikern unter den Bodenbelägen, sondern ist nach wie vor das Sinnbild eines wertvollen fugenlosen Bodenbelags in zeitloser Schönheit. Der Entscheidung vorausgegangen waren erste Kontakte zwischen Martin Möllmann von Dyckerhoff und Tobias Walliser vom UN Studio aus Amsterdam am Rande eines gemeinsam besuchten Workshops für Architekten. Beim Thema Bodenbeläge kam man auch auf Terrazzo zu sprechen und die neuen Möglichkeiten, die sich hier in Verbindung mit moderner Betontechnologie, wie beispielsweise den selbstverdichtenden Betonen, heute Planern und Bauherren bieten.

Terrazzo als zentrales Gestaltungselement


Nachdem die Entscheidung für Terrazzo gefallen war, fand man in den Firmen Ranft-Terrazzo aus München sowie der R. Bayer Betonwerkstein GmbH aus Blaubeuren bald auch die richtigen Partner auf Handwerkerseite, um die perfekte Ausführung der Terrazzoarbeiten gewährleisten zu können. Beide Unternehmen teilten sich den Auftrag, wobei jeweils unterschiedliche Techniken zum Einsatz kamen. Während in der unteren Ebene die Firma Ranft den Belag ganz klassisch als sog. "Walzterrazzo" erstellte, arbeitet die Firma Bayer im Eingangsbereich mit einer moderneren Variante, dem sog. "Fließterrazzo". Unterschiedlich auch das optische Erscheinungsbild der beiden Beläge, was jedoch nicht am jeweiligen Einbringverfahren lag, sondern an den Design-Wünschen der Planer. So wurde im ersten Fall ein dunkles Korn in eine helle Zementsteinmatrix eingebettet und im zweiten Fall ein helles Gesteinskorn in eine dunkle Zementsteinmatrix. In beiden Fällen kam als Zement Dyckerhoff Weiss zum Einsatz, einmal un-behandelt und einmal mit schwarzen Pigmenten eingefärbt. Durch diesen unterschiedlichen Materialmix entstand ein spannungsreicher, von den Architekten gewollter Kontrast zwischen den Böden in den unterschiedlichen Ebenen. Beim Fließterrazzo im Eingangsbereich kamen als zusätzliches gestalterisches Element Intarsien in Form großer, in die Fläche eingelegter, heller Kreise hinzu. Als markante Punkte wirken sie auf das Auge des Besuchers, bringen einen Maßstab in das Gebäude und lockern zugleich die Geometrie der großen Eingangshalle auf fast spielerische und dennoch elegante Weise auf. Außerdem schaffen sie einen optischen Übergang von der lichtdurchfluteten Glasfront in das zentrale Atrium. Ingesamt sind so über 3.500 Quadratmeter fugenlose und makellos glänzende Terrazzoböden entstanden, die nicht nur den Besuchern (von den im übrigen über eine Million pro Jahr erwartet werden) optimalen Gehkomfort bieten, sondern die auch den Belastungen durch die im Museum präsentierten Fahrzeuge, vom Formel 1-Boliden bis hin zum schweren Lkw, sicher standhalten.